Stunden gestohlen, Liebe gespendet
Gelegenheitsblogging mache ich hier. Ich könnte als warnenden Hinweis eigentlich noch “bloggt aber nur einmal pro Jahr” in den Untertitel setzen. Oder das Bloggen gleich ganz ad acta legen? Es ist nicht die Unlust, es ist der Zeitmangel. Wenn die Tage so aussehen, dass man sich an manchen keine zwei Minuten am Stück hinsetzen kann, ist das Bloggen irgendwie nur noch sekundär wichtig - Schlaf und Ruhepausen hingegen sind unglaublich wertvoll und auch wesentlich effektiver, wenn es um die Bekämpfung furchentiefer Augenringe geht.
An denen das Kind keine - oder fast keine - Schuld trägt. Seit drei bis vier Monaten (ich weiß es schon nicht mehr; Mütterdemenz?) schläft L mustergültig von 19 Uhr abends bis Punkt sieben morgens zwölf Stunden am Stück. Darauf kann man sich verlassen. Punkt sieben. Keine Minute eher, keine Minute später. Es ist immer exakt sieben Uhr, wenn ich auf den elektronischen Wecker gucke, dem der humane Wecker schon vor langer Zeit den Rang abgelaufen hat. Würde ich also mit L zusammen ins Bett gehen, könnte ich satte zwölf Stunden schlafen. Dass ich das nicht tue, ist wohl eher meine eigene Schuld. Aber wann soll ich all die Dinge erledigen, zu denen ich tagsüber nicht komme? E-Mails-checken geschweigedenn -beantworten ist nicht so einfach, wenn man eine flottmobile fast Einjährige gleichzeitig davon abhalten muss, das Porzellan aus dem Küchenschrank zu ziehen, sich die Klobürste im Gäste-WC näher anzugucken, sich die Finger in der Flurschublade einzuklemmen, die Treppe im Alleingang hochzuklettern, die Zeitungen vom Couchtisch zu ziehen und anschließend komplett zu zerfetzen, die Fernbedienungen runterzuangeln und mit geübtem Griff die Batteriefachdeckel zu entfernen, um die Batterien herauszunehmen und abzulutschen, sich an der Jalousieschnur zu strangulieren, die Kindersicherungen aus sämtlichen Steckdosen zu puhlen, den Haustürschlüssel aus dem Schloss zu ziehen und irgendwo im Haus zu verstecken, wo Mutti ihn ganz bestimmt nicht findet, das DVD-Regal innerhalb von zehn Sekunden leer zu räumen, den Kopf in den Kaminofen zu stecken und sich dabei schön einzurußen, mit den schwarzen Fingern hinterher überall Spuren zu hinterlassen, die Karten aus dem Café-International-Spiel in die Staubsaugerlüftungsritzen zu stecken…
usw
usw
usw.
Und ich habe vor gar nicht allzu langer Zeit noch empört auf den Anblick dieser Großmutter reagiert, die ihren Kleinkindenkel auf dem Bahnsteig angeleint neben sich herzog. Nunja. Leinen sind was für Hunde, ich bleibe dabei und sitze abends lieber noch stundenlang vor dem Computer, um den ganzen anderen, unwichtigen Kram zu erledigen, den ich tagsüber nicht schaffe, anstatt mein Kind tagsüber irgendwo festzuketten und abends frei zu haben.
Ich nehme an, irgendwann wird sie doch wohl begreifen, dass man die Treppe auch ganz leicht wieder herunterfallen kann (ja, wir haben ein Treppengitter, aber nur oben bisher), dass der Kinderwagen nicht als Klettergerüst geeignet und die Salatschleuder eigentlich kein Spielzeug ist. Irgendwann. Vielleicht nicht in absehbarer Zeit, aber doch - irgendwann.
L kann jetzt also krabbeln wie der Wind, freihändig stehen, sich an Möbeln entlang hangeln, mit Hilfe ein paar Schrittchen gehen, Dinge auseinandernehmen und wieder zusammensetzen (mit Vorliebe schraubt sie Wasserflaschen auf, nimmt den Deckel ab und packt ihn wieder drauf), klettern und “Arsch” sagen. Das ist jetzt nach “Tschüß”, “Mama”, “Papa”, “Gacht (Gute Nacht)” und “Da” ihr sechstes Wort. Damit könnte sie theoretisch ihren ersten Zweiwortsatz formen: “Tschüß, Arsch.” zum Beispiel. Ihr Vater meinte neulich in einem passenden Kontext, sie habe ja wohl Hummeln in selbigem. Hummeln ist einfach zu schwierig auszusprechen, wie ich einräumen muss.
Bald wird sie schon ein Jahr alt, unsere kleine Stundendiebin mit den wunderbarsten, blauen Augen der Welt.