Little Miss Sunshine auf dem Schaukelstuhl
Nächste Woche werde ich 30. Es ist noch keine Midlifecrisis in Sicht, und ich habe auch nicht vor, mich einer solchen hinzugeben. Könnte ich auch gar nicht, denn noch fehlt mir das nötige Geld für das dazu benötigte Porschecabrio. Das ich mir dann leisten wollen würde, wenn ich eine hätte. Also eine Crisis.
Nicht, dass ich anlässlich der neuen Null nicht auch schon ins Grübeln geraten wäre. Die Bilanz fällt aber erstaunlich positiv aus. Mit anderen Worten: Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben und dem bisher Erreichten. Doch, könnte schlimmer gelaufen sein. Ich habe das Abitur geschafft, ein Volontariat in der Tasche, bin - fast - mit dem Studium fertig, habe seit zehn Jahren den besten Mann weit und breit an meiner Seite und seit April auch noch das tollste Kind. Mir geht’s richtig gut, und dafür bin ich sehr dankbar.
Aber eins bin ich sicher nicht mehr: ein Mädel. Ein Mädel war ich so bis 16, und damals gründete sich auch meine Mädelsschulclique, die heute noch unverändert existiert und in deren Dunstkreis ich es auch als legitim empfinde, Mails mit Hallo Mädels zu beginnen. Um der guten, alten Zeiten Willen. Wir fünf machen das alle, aber an und für sich ist das auch etwas grotesk, denn man muss sich dabei mal vor Augen halten, dass Freundin K. inzwischen eine gestandene Gymnasiallehrerin, Freundin B. Wirtschaftsprüferin und Freundin U. Anwältin mit Schwerpunkt Arbeitsrecht ist. Last but not least jettet Freundin E. für eine große Logistikfirma durch die Weltgeschichte. Und das sicher nicht als Geschäftsmädel, sondern als Geschäftsfrau. Also keine Mädels mehr. Mädels sind wir nur unter uns, im Alltag sind wir Frauen. Müssen wir sein. Und wollen wir auch. Wir können nicht im Little-Miss-Sunshine-T-Shirt in den Gerichtssaal gehen oder vor den Kunden treten. Man soll uns schließlich ernst nehmen. Gefälligst.
Gar nicht so einfach, diese beiden Rollen miteinander zu verbinden. Im Inneren ist man zwar noch oft genug und auch sehr gerne Kind, aber im Großen und Ganzen schon längst erwachsen und genau, eine Frau. Deutlicher gesagt: Ich bin gerne eine erwachsene Frau, ich will gar kein Mädel mehr sein - denn so schön die Mädelzeit in meinem Leben auch war, ich wünsche sie mir nicht zurück. Ich bin froh und dankbar über das Mehr an Lebenserfahrung, über das ich heute verfüge und das ich mir hart erarbeitet habe.
Auch, wenn mir Medien und Werbeindustrie nur allzu gern suggerieren möchten, dass es in meinem Alter doch noch gar nicht erstrebenswert ist, schon als Frau angesehen zu werden. Zum Beispiel im Werbespot einer rosa Deodorantfirma, in der ein Haufen Mittzwanzigerinnen auf Mädels-WG macht.
Auf ein solches Frauenbild würden die Werbetreibenden allerdings gar nicht setzen, wenn wir Damen von 20 bis 40 uns nicht ständig selbst als Mädels betiteln würden, zugegebenermaßen sind meine Geschlechtsgenossinnen nicht ganz unschuldig an diesem Zustand. Stichwort Jugendwahn. Tröstlich: den Männern geht es auch nicht so viel besser, die treffen sich ja auch mit Ende 30 noch immer mit ihren Jungs.
Mir geht das Mädelsgehabe mit seinen Konsequenzen trotzdem auf den Senkel. Ganz speziell in Momenten wie vor einiger Zeit im Supermarkt, als ein gönnerhafter, nach Zigarrenqualm stinkender, alter Sack gänzlich fremder Mann Anfang sechzig meinte, mich mit einem So geht das aber nicht, Mädel zurechtweisen zu müssen, weil er der Meinung war, die letzte fettarme Milch im Regal sei für ihn reserviert gewesen. Zwei Unverschämtheiten in nur einem Satz. Ich hatte damals die passende Antwort parat, die ich an dieser Stelle nicht wiederholen möchte, weil sie nicht ganz jugendfrei und damit nicht für Mädelsohren geeignet war.
Worauf ich hinaus will: Ich habe den Eindruck, Frau-Sein ist out und ewig-Mädel-Sein ist in. Mädels sind wir heute bis mindestens 49, wenn nicht sogar länger. Frau-Sein hieße ja auch, sich auf das Altern einzulassen, und das wäre ja unerträglich. Das macht ja auch heute keine mehr freiwillig. In Würde älter werden. Und die berühmten Vorbilder verweigern sich hinsichtlich dessen sowieso. M*d*nna zum Beispiel. Auch so ein Mädel von fuffzig Jahren.
Was mich an der Mädelsschiene besonders nervt, ist, dass sie gerne mal so eine Art Schutzbiotop für veranrtwortungsloses Handeln darstellt. Schema: Wenn ich was falsch gemacht habe, stelle ich mich einfach etwas dümmlich und damit als etwas unreif dar, klimpere mit den Wimpern, untermale damit meine altersbedingte Unschuld und schwupps!, schon ist alles wieder gut. Und wenn das bei meinem Gegenüber nicht wirkt, mache ich laut wähä. Ich bin schließlich unter 50, da darf man das noch, und damals im Kindergarten hat die Masche ja auch schon prima funktioniert, wieso also nicht bei Altbewährtem bleiben. Erst, wenn auch das nicht zieht, zeige ich mein wahres Ich. Und das will dann meistens keiner sehen. Komisch.
Nun ja, Wie dem auch sei. Vielleicht ist es einfach, mit knapp dreißig zu behaupten, das Altern mache einem ja nix aus. Ich kann nur versuchen, möglichst g,aubhaft zu beschreiben, dass mich die ersten Anzeichen von Hautalterung in meinem Gesicht zwar erstaunt, aber keinesfalls zu Panik veranlasst haben. Anders als die Aussicht darauf, noch mit 89 als Mädel im Schaukelstuhl zu sitzen - die macht mich schon irgendwie mürrisch. Denn auch dann werde ich mit Freuden als das angesehen wollen werden, was ich dann bin: eine alte Frau. Mit vermutlich weißen Haaren (ohne Dutt allerdings), tiefen Falten und Marotten, die ich mir dann aufgrund meiner noch umfangreicheren Lebenserfahrung einfach mal leisten werde. Und Mädels gibt es in meinem Leben dann hoffentlich nur noch in Form von zwanzig entzückenden Enkelinnen.
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Haben die Berufsmädels denn wirklich was mit dem Alter oder Altern zu tun? Ich hab ja nun ein bisschen Vorsprung und glaube, Tussitum ist einfach Typsache …
Du bist sowas von gemein :´(
Ich bin bald 31 … und geschafft in dem Sinne, habe ich nich so gar nichts
Du hast nen Kind, ein mega süßes noch dazu … aber ich will nicht meckern!
So bald Du Geburtstag hast sag mal bescheid! Du bekommst nur die aller, aller aller besten Wünsche…!!!
PS:
EVTL mit Kind zur Plogbar?!? Kieler Woche und so? Hab dann auch nen Geschenk für Dich! Versprochen!
Oh danke, Christoph. Jetzt fühle ich mich mit meinen 36 gleich viel besser.
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@Kirsten & Pleite: Öhm. Bin ich hinterm Mond. Weiß ich nicht, was Sternchen heißt. Oder ist meine Kommentarfunktion kaputt?
@Melody: So habe ich das noch gar nicht gesehen. Ich hatte immer gehofft, das legt sich mit dem Alter.
@Christoph: Jetzt mal nicht wehleidig werden, 31 ist doch auch noch kein Alter (36 auch nicht, Kirsten!). Mein Geburtstag ist erst am Donnerstag, uuiui. Geschenk klingt gut, aber ob ich da hin kommen kann… momentan ist jeder Weg mit Baby eine halbe Weltreise. Was ist denn Plogbar?
Sternchen heißt nur, dass der Text so genial ist, dass ich nichts weiter hinzuzufügen hab. Zumindest benutze ich den Stern so.

Und ich bin nicht wehleidig, sondern im Gegenteil auch gerade sehr zufrieden mit meinem Leben. Ich mag es nur nicht, wenn irgendwer meint, man müsse dies und jenes zu einem bestimmten Alter erreicht haben und deswegen rummemmt.
Oh, muchas gracias
Wieder was dazu gelernt, habe das schon öfter gesehen und mich gewundert.
Das mit den Dingen, die man erreicht haben muss, ist auch ein interessantes Thema. Immer, wenn ich erzähle, dass ich bald dreißig werde, kriege ich zu hören: Na, Du musst Dir doch keine Gedanken machen, Du bist schließlich verheiratet und hast ein Kind.
?!
Ähm tja. Natürlich ist das super, und ich bin mit meiner Lebenssituation ja auch wie erwähnt sehr zufrieden. Aber wäre ich auch, wenn ich nicht verheiratet wäre und noch kein Kind hätte. Erstaunlich auch, dass vor einem Jahr keiner gesagt hat, ach, Du wirst 29, na, Du musst Dir ja keine Gedanken machen, Du bist ja verlobt und hast eine Berufsausbildung…
30 scheint so eine Altersgrenze zu sein, bei der alle denken, man müsste ja dies und das.
Und dass ich die gängigen Ziele erreicht habe (Familie, Kind), heißt ja nicht, dass ich ehrgeizig darauf hingearbeitet habe. Das ist halt einfach so gekommen, unabhängig vom Alter.
Mag ich auch nicht, dieses Also-Jetzt-Muss-Man-Aber.
Muss man gar nich.
Nur sterben muss man irgendwann. Sagt meine Oma immer. Und die ist im Februar gerade 99 geworden.
… Eine Plogbar ist ein Treffen von Bloggern … ich sag mal “im echten Leben”
schau mal auf http://pl0gbar.mixxt.de/
Ich gebe zu, dass ich ein ernstes Problem mit meinem Alter. Ich muss zwar nicht, aber ich möchte gerne etwas erreichen. Nur bis jetzt hab ich noch nichts “tolles” erreicht … Auf der anderen Seite halte ich es mit den Kölnern: Das Leben geht weiter!
[...] Kirstens Weblog Kann Ironie enthalten « Untere Kunden? Falten am Arsch und glücklich dabei? 16. Juni 2009 Das kommt davon. Da hat man die ganze Zeit eine Idee für einen Blogbeitrag im Kopf, ist aber zu faul, sie aufzuschreiben. Und dann liest man das Ganze, wunderbar geschrieben und bestens auf den Punkt gebracht, woanders: “Ich habe den Eindruck, Frau-Sein ist out und ewig-Mädel-Sein ist in. Mädels sind wir heute bis mindestens 49, wenn nicht sogar länger. Frau-Sein hieße ja auch, sich auf das Altern einzulassen, und das wäre ja unerträglich.” Mehr. [...]