ist seit 1997 online
Warum bloggst Du eigentlich?
Als “bloggende” Person, also als jemand, der ein Blog betreibt, auf Verwandten-Deutsch* auch nach wie vor “Online-Tagebuch” genannt, werde ich öfter mit der oben stehenden Frage konfrontiert.
Heute - pünktlich zum zehnten Geburtstag meiner Online-Präsenz, sprich: meiner Homepage - versuche ich mal, eine Antwort darauf zu geben, die nicht nur deutlich über meine sonst übliche Standardantwort** hinausgeht, nein, sondern obendrein eine, auf die ich künftig sogar per Link verweisen kann, um mir ständige Wiederholungen dieser Antwort zu ersparen. Wie praktisch - hoch lebe das Internet!
“Weil ich gern schreibe”
Die langweiligste und irgendwie auch unehrlichste Antwort auf die oben genannte Frage lautet aus meiner Sicht: Weil ich gern schreibe. Natürlich stimmt das irgendwie, natürlich gehört die Sache mit dem “gerne schreiben” auch dazu. Aber wenn es nur das wäre, könnte ich mich auch gleich wieder vor unsere alte Olympus, ein Familienerbstück, setzen und das Getippte später in meinem Privatarchiv verschwinden lassen.
“Weil ich Applaus bekommen möchte”
Meiner Ansicht nach geht es beim Bloggen um nichts anderes als darum, gelesen zu werden und darüber mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Ich könnte es ganz böse ausdrücken: Um Selbstbeweihräucherung. Oder ganz nett: Um Aufmerksamkeit. Wie es nunmal in der Natur eines Blogeintrags liegt, spreche ich hier nur für mich selbst. Vielleicht gibt es da draußen eine exorbitant riesige Menge vollkommen uneigennütziger Blogger, oder solche, die tatsächlich nur “für sich” schreiben und im Bloggen “ihr” Speichermedium gefunden haben - solche, die die Kommentarfunktion demonstrativ deaktiviert haben und in keinem anderen Blog mitlesen.
Wenn die sogenannte “Blogosphäre” nur aus solchen Bloggern bestünde, hätten sämtliche Arten von Feeds und Feedreadern keine Daseinsberechtigung; und ich selbst kenne keinen einzigen Blogger dieser Art; nicht, dass ich wüsste, jedenfalls. Das Feedback ist also zum mehr oder weniger unverzichtbaren Bestandteil jedes “Blogs” geworden, und jeder Blogger, der in seinem Blog kein Kommentarfeld vorzuweisen hat, gilt schon fast als Freak. Wie sich die Sichtweisen geändert haben: Früher galt bereits als solcher, wer eine eigene Homepage mit nicht-kommerziellem Inhalt sein eigen nannte.
“Aus Gewohnheit”
Was für eine Erkenntnis: Wenn ich zeitgleich zum Start meiner Homepage ein Kind bekommen hätte, dann wäre das jetzt zehn Jahre alt, hätte gerade die Grundschule hinter sich und würde vermutlich nach dem Sommer auf eine weiterführende Schule wechseln. Komischer Gedanke, aber wie auch immer. Genau heute vor zehn Jahren ging die allererste Version meiner Homepage online, mit winterlichem, blauweißgepunktetem Hintergrund, wunderhübsch-sichtbaren Frames der Marke Frontpage-Eigenbau und mehr oder weniger sinnbefreitem “Hoppla hier komme ich”-Inhalt. Jetzt gucke ich darauf zurück und stelle fest: Soviel hat sich seitdem nicht geändert :-). Die Frames sind weg, ich brauche keine merkwürdigen Homepage-Programme zur Erstellung meiner Seiten mehr, die Hintergrundgrafik besticht nach wie vor mit bunten Mustern, nur ist aus dem von allen Seiten belächelten “Online-Tagebuch” ein “Blog” geworden - und ob sich hier sinnmäßig so wahnsinnig viel getan hat, nun ja - ein bisschen Selbstkritik ist hier wohl angebracht. Ich bin nie sonderlich gewissenhaft mit den Inhalten meiner Homepage umgegangen -, habe mein “Online-Tagebuch” genauso wie mein Blog desöfteren inhaltlich verhungern lassen, äußerlich verändert oder immer wieder eingestampft und wieder neu ins Leben gerufen - daher gibt es hier kein Eintragsarchiv der letzten zehn Jahre, denn die meisten Einträge habe ich gar nicht mehr. Und will ich vielleicht auch gar nicht mehr haben. Ich lösche gerne und vorsätzlich und halte es da mit Adenauer: “Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?”
Denn ganz ehrlich: Nicht mal ich selbst will heute noch lesen, was ich vor fünf bis zehn Jahren geschrieben habe, wieso sollte ich also ein solches Archiv der gesamten Öffentlichkeit zugänglich machen? Im Gegenteil; wenn ich heute in alten, papiernen Tagebüchern aus aus meiner Teenagerzeit stöbere, lache ich mich krank oder schäme mich vor mir selbst zu Tode oder beides und bin heilfroh, dass außer mir niemand Zugang zu diesen Texten hat; und dass glücklicherweise auch keiner ungefragt in meinen Tagebucheinträgen herumkommentieren kann oder konnte. Natürlich ist der Inhalt meines Blogs dagegen von wesentlich unpersönlicherer Natur, allein deshalb rückt hier das “gelesen werden” als Sinn und Zweck des Ganzen viel stärker in den Vordergrund - und damit auch das “kommentiert werden”, um nicht zu sagen: das “beachtet werden”.
“Weil alle bloggen”
Vor zehn Jahren gab es noch keine Bloggerszene mit A-Bloggern und B-Bloggern und was-weiß-ich-was-für-Bloggern, und von Kommentar-, Trackback- und Pingfunktionen waren wir alle ungefähr genausoweit entfernt wie die Vereinigten Staaten es heutzutage von der Auszeichnung zur Umweltschützernation des Jahres sind. Früher kam das Feedback in Form von E-Mails etwas schleppend zustande, aber heute, im Zeitalter von Trackbacks, Pings und Kommentarfeldern flutscht das Ganze - oder eben auch nicht. Ob es flutscht, kriege ich persönlich in meinem Blog nur anhand von steigenden oder sinkenden Kommentarzahlen mit - denn ich habe keinen Besucherzähler. Und das ist noch nicht mal Absicht, sondern liegt einfach nur daran, dass ich bislang schlicht und ergreifend zu faul war, einen einzubauen. Ich habe bei meinem Provider ein Downloadlimit eingerichtet, das diese Seite sowieso nie erreichen wird, und es reicht mir vollkommen zu wissen, dass ich mich hinsichtlich dessen also nicht in finanzielle Gefahr begeben kann. Auch ohne Zähler weiß ich inzwischen schon im Voraus in etwa einzuschätzen, welche Art von Einträgen in meinem Blog größere Beachtung finden und welche weniger. Und diese Tatsache, dass ich das kann, erschreckt mich inzwischen schon gar nicht mehr.
Ich weiß, dass mich diese “Fähigkeit” in meinem Schreibverhalten beeinflusst - und ich weiß auch, was passiert, wenn ich zulasse, allein von ihr gesteuert zu werden: Dann werde ich “berechnend”, schreibe nicht mehr einfach frank und frei drauflos - sondern überlege vorher ziemlich genau, was ich schreibe und wie ich es schreibe; und damit büßen meine Texte automatisch an Authentizität ein und gewinnen dafür ziemlich viel an Eitelkeit hinzu. Dieser Gefahr bin ich mir bewusst und daher in Zusammenhang mit meinem Blog ständig damit beschäftigt, genau dies zu vermeiden. Ob mir das immer gelingt, ist eine andere Frage. Aber ich kann reinen Gewissens behaupten, dass ich in meiner “Funktion” als Bloggerin meine Texte vor der Veröffentlichung fast genauso gründlich prüfe und hinterfrage, wie ich es als Volontärin und Texterin mit meinen Schrifterzeugnissen getan habe. Damit befinde ich mich allerdings unweigerlich auf einer ständigen Gratwanderung zwischen Spontaneität und Authentizität. Immer mit Zweifeln im Hinterkopf: Was sagen meine Leser zu dem Text?
Natürlich möchte ich gerne einen superschönen Text nach dem anderen, einen super interessanten Link nach dem anderen, ein unterhaltsames Foto/Video/Link/Wasauchimmer nach dem anderen raushauen, wofür mich alle loben; Einträge, die noch nach Jahren in anderen Blogs rezitiert werden. Ich kann mich beispielsweise nicht daran erinnern, jemals bei einem Eintrag die Kommentarfunktion deaktiviert zu haben, weil ich viel zu neugierig darauf bin, ob jemand was dazu zu sagen hat und vor allem was. Selbstverständlich freue ich mich über jegliche Art von Kritik, solange sie ehrlich und konstruktiv ist. Aber damit mache ich mich angreif- und verletzbar. Wenn ich einen Eintrag von mir als besonders gelungen empfinde, kann mich negative Kritik ziemlich treffen; der Grad meiner Betroffenheit ist dabei allerdings abhängig davon, wer sie äußert und wie sie geäußert wird.
“Für mich selbst”
Mein Blog ist eine One-Woman-Show, mit allen Vor- und Nachteilen, die dieses “sich freiwillig mit Selbstgeschriebenem in die Öffentlichkeit wagen” nun mal mit sich bringt. Man läuft ständig Gefahr, an der eigenen Erwartungshaltung zu scheitern und kommt für meine Begriffe unweigerlich desöfteren zu dem Punkt, an dem man sich fragt: Für wen mache ich das hier eigentlich? Muss ich überhaupt irgendwelchen Erwartungen - außer meinen eigenen - gerecht werden? Wieso glaube ich eigentlich, dass alle ständig von mir erwarten, dass ich etwas ganz tolles, unterhaltsames schreibe? Schreibe ich nicht eigentlich die ganze Zeit nur belanglosen Scheiß, der keinen interessiert und der nur aus Höflichkeit kommentiert wird? Fällt eigentlich in China sofort ein Sack Reis um, wenn ich jetzt auf der Stelle mit dem Bloggen aufhöre? Und das führt einen unweigerlich zu der Frage: Wieso mache ich das eigentlich und für wen? Ich glaube, jeder Blogger, der sich diese Frage schon mal gestellt hat, hat auch versucht, dies hier darauf zu antworten: Für mich selbst, denn das ist mein Blog, und hier kann ich machen, was ich will, und wem’s nicht gefällt, der kann ja draußen bleiben, ätschbätsch. Aber das funktioniert nicht, oder zumindest nicht lange. Wenn nämlich gar keiner mehr zu Besuch kommt, dann guckt der Blogbesitzer ziemlich dumm aus der Wäsche - genau deshalb halte ich persönlich diese Antwort auch für ein Alibi, hinter dem man sich verschanzt, um nicht verletzt (kritisiert, missachtet, gar nicht beachtet) zu werden.
Denn meiner Meinung nach kann niemand nur für sich selbst bloggen, weil das Medium “Blog” vom ersten Eintrag an eine Dynamik entwickelt, die man nur in begrenzter Weise selbst in der Hand hat: Man bestimmt zwar Art und Inhalt der Einträge, kann Kommentare bei Nichtgefallen löschen, aber man hat niemals die komplette Kontrolle - was allerdings auch sterbenslangweilig wäre. Und so freut man sich nicht nur über die Nebenwirkungen von Kommentaren, Trackbacks usw., sondern man streitet sich auch hin und wieder mal, oder man ärgert sich gegenseitig und muss den Kommentierer manchmal daran erinnern, auf wessen Hoheitsgebiet er sich eigentlich befindet. Die Kröte der Dynamik hat man zu schlucken, sobald man ein Blog eröffnet und den ersten Text zur Kommentierung frei gibt. Als Bloggender ist man also wie so eine Art Dompteur unterwegs, der die Raubtiere/resp. Leser oft bei Laune halten und manchmal auch zur Raison bringen muss, aber gleichzeitig nicht vergessen darf, regelmäßig in den anderen Zirkussen vorbeizuschauen und dort selbst in der Manege zu kommentieren, denn sonst kommt ja kein Publikum mehr auf Gegenbesuch. Was einem jetzt nur noch zum vollkommenen Glück fehlt, sind hellseherische Fähigkeiten, denn der Leser wird für den Bloggenden erst sichtbar, sobald er sich zum Kommentierer mausert. Wer heimlich still und leise vorbeischaut und dabei keinen Mucks von sich gibt, geht dem Blogger durch die Lappen; und das hat manchmal lustige bis unangenehme Konsequenzen. Beispielsweise sollte man in seinem Blog nicht lang und breit über Geburtstagsüberraschungen für die eigene Mutter schwadronieren, wenn man sich nicht hundertprozentig sicher sein kann, dass diese hier nicht mitliest.
Aber egal, ob der Leser nun willkommen ist oder nicht - da ich mich demnach als Blogger von dem Anspruch, gelesen werden zu wollen, selbst nie ganz frei machen kann, ist das Bloggen an sich manchmal ein ganz schön anstrengendes Prozedere, eine Gleichung aus auf der einen Seite “Viel Interessantes schreiben” + “Viele gute Kommentare anderswo abgeben” = “Viel gelesen/beachtet werden” = “Viel Freude am Bloggen haben” und auf der anderen Seite “Wenig Interessantes schreiben” + “Wenig anderswo kommentieren” = “Wenig gelesen/beachtet werden” = “Wenig Freude am Bloggen haben” = “Blog auch gleich dichtmachen können”.
“Um die Leserschaft bei Laune zu halten”
Manchmal ist es ein bisschen wie auf der Jagd, und ich hatte selbst auch schon höchst euphorische und etwas naive Blog-Phasen, in denen ich nur täglich geschrieben habe, um bloß keine Lücke entstehen zu lassen und hauptsächlich deshalb anderswo kommentiert habe, um selbst Kommentare zu bekommen. Asche auf mein Haupt.
Der Status Quo
Darüber bin ich inzwischen schon länger hinweg. Ich habe meine Blog-Aktivitäten auf ein für mich sehr erträgliches Maß heruntergebrochen, und zwar anhand einer ganz einfachen Formel: Ich blogge alle Sachen, ohne vorher groß darüber nachzudenken, wem was wie gefallen könnte (oder auch nicht) und kommentiere nur noch dort, wo ich wirklich gerne lese. Das hat zwar den - auf den ersten Blick vielleicht negativ erscheinenden - Nebeneffekt, dass meine eigenen Kommentarzahlen sinken, aber dafür den positiven Nebeneffekt, dass auch bei mir nur noch Menschen bloggen, die mir sehr willkommen sind - und außerdem spare ich dadurch eine ganze Menge Zeit und Nerven. Man könnte es auch so ausdrücken: Ich denke, ich bin mir selbst treu geworden in dieser Hinsicht und komme mir nicht mehr vor, als würde ich ständig zu irgendwas verpflichtet sein.
Als alte “Homepage”-Betreiberin und “Online-Tagebuch”-Schreiberin von Annodazumals nehme ich mir heraus, das Bloggen und die steigenden Bloggerzahlen an sich kritisch zu betrachten. Muss eigentlich jeder heutzutage bloggen, und dann auch noch jeden Mist? Das fragte ich mich schon häufig, nachdem ich zum xten Mal in einem neu entdeckten Fremdblog von Alltagsproblemen mit der Waschmaschine/dem tollen Kinofilm gestern Abend/dem debilen Nachbarn/dem doofen Chef/etc. gelesen und das Lesen dann aufgrund aufkommender Langeweile/mangelnder Textqualität nach drei Sätzen drangegeben hatte. Um mich gleich darauf selbst hinzusetzen und einen mäßig informativen Beitrag über einen HSV-Spieler mit Hang zur Polygamie zu bloggen und damit das sprichwörtliche Glashaus mit einem gekonnten Wurf zu zerdeppern.
Die schlechte Nachricht lautet dementsprechend: Ja. es muss heute offensichtlich jeder bloggen, und über jeden Mist, es ist wie eine Zwangshandlung, eine schlechte Angewohnheit - hat man erstmal damit angefangen, kann man es nicht mehr bleiben lassen. Und die gute: Niemand muss alles lesen.*** Und niemand muss denken, das eigene Blog müsste unbedingt dringend von der ganzen Welt beachtet werden.
Und nun: Die Antwort
Auf die ursprünglichste Frage kann ich also reinen Gewissens antworten: Ich blogge, weil es mir jetzt wirklich Spaß macht, weil ich gerne schreibe, weil ich gerne gelesen werde (aber nicht um jeden Preis), weil ich es schön finde, wenn jemand sich extra die Mühe macht, zu meinem Text einen Kommentar zu formulieren, weil ich gerne zur Art der “Blogger” gehöre und damit gern bei (einigen) anderen Bloggern lese und kommentiere. Aber das war ein sehr, sehr langer Weg hierhin.
Amen
****
___
* Die Frage, weshalb ich eigentlich bloggte, kommt ständig von wenig internetvertrauten Verwandten oder Bekannten, die den Terminus “Online-Tagebuch” dann auch meistens ziemlich befremdlich finden, aber unter Zuhilfenahme anderen Vokabulars überhaupt gar nicht verstehen, worum es sich in etwa bei einem “Blog” handelt. Ich beeile mich dann immer hinzuzufügen, dass das Ganze wenig mit einem Tagebuch im ursprünglichen Sinne zu tun hat.
** Aus Spaß an der Freude.
*** Was eigentlich mal eine richtig gute Foltermethode wäre
**** Ein Experiment, das sich für mich wirklich merkwürdig anfühlt: Die Kommentarfunktion ist aus. Und bleibt aus. :-). Vielleicht ist das ein bisschen old-fashioned, aber wer was beizutragen hat, darf mir gern mailen.